Selbstgeschriebene Prophezeiung

Das Licht eines neuen Tages schien in seine Kammern. An solchen Tagen liebte er es, einfach nur dazustehen und über seine Heimat zu schauen. Er strich sich durch die braunen Haare. Hinter ihm regte sich etwas, und sofort schlug sein Herz schneller, doch zwang er sich, weiter aus dem Fenster zu schauen. Die Geräusche näherten sich. Ein Rascheln, ein Streifen. Zarte Hände schlossen sich um seine Brust, und gegen seinen Willen musste er lächeln. Er richtete sich etwas weiter auf und nahm eine herrschaftliche Pose ein. Er wurde gestützt. Geliebt. Er nickte sich selbst zu. Es war nur eine Frage […]

Sommernacht

Das Feuer prasselte im Kamin. Man fragte sich, welcher Diener es für nötig befand, im Sarenith für zusätzliche Hitze zu sorgen. „Scheinbar haben sich die Elsknechts weitestgehend organisieren können. Fridagasta Elsknecht hat es bevorzugt, den Festlichkeiten bei ihren jungen Kindern in der Sommerhalle beizuwohnen. Sie ist eine fähige Magierin, es gab kaum Widerspruch, als sie sich zum neuen Haupt der Familie ernannt hat.“ Er nickte und nahm einen Schluck des Weins, den sie ihm gebracht hatten. Nicht gekühlt, und obwohl er immer noch nicht allzu viel von Wein verstand, schien es ihm auch nicht der beste Tropfen zu sein. Die […]

Nach dem Morgengrauen

„Und hier sehen Madame, hier sehen Madame, also hier sehen Madame, was ich mein-, was ich mein-, was ich ähm meine!“, Benedikt Utz machte eine ausladende Bewegung und zeichnete mit seinen Händen nach, was er zuvor in vielen Wiederholungen bereits gesagt hatte. Felicia nickte. „Ich verstehe“, murmelte sie, immer noch nicht ganz wach, immer noch nicht ganz nüchtern. Daran hatte auch der Schock nichts geändert, als sie kurz zuvor vom Prinzen höchstselbst geweckt worden war. Unter einer Illusion verborgen, hatte sie dem hochgestellten Gast die Umgebung gezeigt. Darunter das Gartenprojekt. Als sie ihm gerade erklärte, warum sie Maiglöckchen- und Rosenduft […]

Ein Märchen

Es war einmal eine Tuchhändlerin, die wanderte durch das ganze Reich um ihre Waren zu handeln. Sie war damit so erfolgreich, dass sie sich schließlich ein Gespann kaufte und fortan zufrieden auf dem Kutschbock saß, ihren Esel antrieb und von Stadt zu Stadt fuhr. Nun begab es sich, dass der König mit seinen Fürsten im Streit lag. Um nun Männer und Schwerter bezahlen zu können um die Fürsten ruhig zu halten, erhob der König hohe Steuern. Und gerade zu dieser Zeit kam die Tuchhändlerin an die Hauptstadt. Noch am Stadttor kam der Steuereintreiber zu ihr und zählte ihre Stoffballen und […]

Pflicht und Kür

Das Gebäude erschien ihr jedes Mal aufs Neue wundervoll. Das Bardenkolleg zu Meriabad bestand erst seit etwas mehr als zehn Jahren, entstanden in der Aufbruchsstimmung nach der triumphalen Rückkehr der Helden von Seeberg und deren anschließender Rettung Isiraels. Auf der obersten Terrasse Meriabads errichtet, an den Wald gelehnt, von Teichen und prächtigen Gärten umgeben, vermischte der Ort die sanfte Mystik Broceliandes mit der manchmal tobenden Wucht des Tritonenmeers. Die Architektur des Gebäudekomplexes hatte eine ganze neue Stilrichtung hervorgebracht: Mit so vielen Steinen und so wenig Holz wie möglich errichtet, die sie umgebende Natur einsetzend, ohne sie zu verdrängen. Wer ein […]

Dumis Dienste

„Ich habe sie gestern Abend ans Fußende meines Bettes gestellt, und jetzt ist sie weg! Was für ein Gasthof ist das hier, wenn sowas passieren kann? Wir sind hier immerhin im Westlichen Königreich! Ich zahle meine Steuern dafür, dass ich hier sicher reisen kann!“ Dem hageren Mann mit seinem schütteren, braunen Haar flog der Speichel von den Lippen. Oberfaust baute sich vor ihm auf. „Ganz ruhig, Mann. Für die Geschehnisse im Gemeinschaftsraum übernehmen wir hier keine Haftung…“ Die Hintertür des Schankraums fiel hinter Dumi zu und verschluckte das Geblöke des unzufriedenen Gastes. Er fing leise an zu pfeifen, während er […]

Tunpips Grauen

Tunpip ließ sich erschöpft, aber zufrieden, auf die Astgabel sinken. Er hatte dem ganzen Trubel um seine Person einfach dringend entfleuchen müssen und richtete jetzt sorgsam seine Kleidung. Seine Narzissenweste war schon ganz zerknittert, und den Eichelhut musste er nach dem turbulenten Flug auch erst einmal zurechtrücken. Diese Kombination war sein ureigenstes Werk, und jeder Pixie der etwas auf sich hielt trug sie mittlerweile. Kein Wunder, dass er kaum noch Zeit für sich hatte. Dauernd wurde er umschwärmt, weil jeder den nächsten großen Modeclou als Erster erfahren wollte. Mit einem fast nicht übertriebenem Seufzer sah er sich um. Die Lichtung, […]

Unter Frauen

„Gibt es noch etwas, das ich Euch bringen kann?“, Mahalen lugte durch die Tür zum aktuell noch größten Raum im Gasthof. Die Bauarbeiten gingen gut voran. In wenigen Tagen würde Felicia ihr eigenes, neues Zimmer beziehen können. Im Anbau, den die Orzaeliten mit Tatkraft und unerschrockener Härte auch bei widrigem Wetter in Rekordzeit hochzuziehen begonnen hatten. Feli blickte auf, seufzte. „Eine Muse vielleicht?“, sie legte die Lyra in den Schoß und kritzelte wie ein trotziges Kind ein paar dunkle Striche auf das Notenblatt. „Darf ich sehen?“, Mahalen stand nun fast im Zimmer, selbstbewusst, forsch. Die aktuelle Bewohnerin schaute auf, ein […]

Aufbruch in ein neues Leben

Der Sternenhimmel über Isilien funkelte und wurde nur von wenigen Wolken bedeckt. Calis schnippte mit den Fingern und der kleine Haufen Holz entzündete sich. Er rückte näher an die knisternden Flammen des Lagerfeuers, zog sich die wärmende Decke näher um seinen Körper und breitete trockenes Brot und welkes Gemüse vor seinen Füßen aus. Eine weitere Geste und Pulver rieselte auf die karge Mahlzeit nieder. Calis schaute in den Sternenhimmel und atmete in einem schweren Seufzer in die Nacht aus. Jahre lang war es gut gegangen, Jahre lang hatte er allen erzählt, wie viele Fortschritte er bei seiner Ausbildung zum Magier […]

Die Rose von Meriabad

Frische Luft drang vom Meer in die Kammer. Das Gasthaus war einfach, die meisten Fenster wurden im Winter mit hellen Tierhäuten abgedichtet. Doch der Winter war vorüber. Es war Mitte Erastus, aber anders als in Ormanthar oder gar in Hjallerborg war der Sommermorgen im hohen Norden angenehm kühl. Sie strich das dünne Fell von sich und setze vorsichtig den linken Fuß auf die Holzbohlen. Es knarzte. Ihr Blick ging zu dem Mann rechts neben ihr. Sein Oberkörper hob und senkte sich weiter. Beim Atmen röchelte er leicht. Sie schmunzelte. Der Ochse schlief den Schlaf der Gerechten. Mit vorsichtigen Schritten ging […]